Weißtongrube Überauchen

Die Weißtongrube am Haselberg zu Überauchen ein Lost Place mit bewegter Geschichte

von Josef Vogt

Mit „Lost Places“, bezeichnen wir heute „vergessene Orte" oder „aufgelassene Orte“.  Gemeint sind damit überwiegend Bauwerke der jüngeren Vergangenheit, die in der Regel noch nicht in einen historischen Zusammenhang gestellt wurden , da sie aufgrund ihrer augenscheinlich minderen Bedeutung kein Interesse in der Öffentlichkeit finden und als nicht besonders schutzwürdig gelten. Ein wesentliches Merkmal von Lost Places ist ihre belassene Ursprünglichkeit und der Umstand,  dass die neugierige Spaziergänger Blicke durch keinerlei erklärende Hinweisschilder gelenkt werden. Das Wissen zur Geschichte haben nur noch wenige Personen, die im Regelfall schon sehr alt sind und nach und nach versterben und ihr Wissen, wenn es nicht aufgeschrieben wurde, mit ins Grab nehmen.   

  Für die Weißtongrube am Haselberg treffen all die Merkmale eines Lost Places zu. Wer immer heute an den Mauerresten, an denen der Zahn der Zeit unerbittlich nagt und die fast völlig eingewachsen am Wegrand stehen vorüber geht, kommt von alleine nicht im entferntesten darauf, dass hier einmal die Rohstoffe für eine Reihe von damals namhaften Steingutfabriken abgebaut wurden. Den aller wenigsten dürfte beim Anblick, der so nicht richtig zur übrigen Waldfläche passenden Ebene mit ihrer schroffen Abbruchkante an einen Ort denken, der für rund 180 Jahre mehreren Generationen von Überaucher Familien ein Ort für ihren Broterwerb war und dass aus dem notwendigen Fuhrgeschäft, im Laufe der Zeit ein ordentliches Fuhrunternehmen entstand. Noch weniger Spaziergänger, die an diesem Ort auf ihrer Gemarkung vorbei kommen dürfe in den Sinn kommen, dass dereinst an dieser Stätte ein nicht unerheblicher Teil der Gemeindeeinnahmen hing und viele Investitionen der Gemeinde ohne die Einnahmen aus dem Verkauf der an dieser Stelle gewonnen Rohstoffe nicht möglich gewesen wären.  Mit dem 2017 eingeleiteten Flurbereinigungsverfahren auf der Gemarkung Überauchen wurde das Geotop Tongrube am Haselberg wieder in das Bewusstsein gerückt. Grund genug, dass die Geschichte zu diesem Ort in entsprechender Weise aufgedeckt wird und die Bedeutung dieses Natur- und Technikdenkmal für die Nachwelt in Schriftform erhalten bleibt.

Wenn auch heute nur noch von einer Grube gesprochen wird, waren es ursprünglich drei, die in enger räumlicher Nähe am Haselberg und Ernental innerhalb des Weißwaldes, der einstigen Gemarkung Überauchen liegen, die heute zusammen mit den Orten Klengen und Kirchdorf, sowie dem Weiler Beckhofen, die Gemeinde Brigachtal bilden. Die Gruben wurden einst angelegt um aus ihnen dolomitischen Mergel, im Volksmund auch Weißerde oder Tonerde genannt, abzubauen und damit Steingutfabriken mit einem wesentlichen Rohstoff zu versorgen, damit daraus allerlei Gebrauchsgegenstände hergestellt werden konnten.

Nach mündlicher Überlieferung von Zeitzeugen, und einer vielseitigen Aktenlage aus diversen Archiven lässt sich ein gut 180 Jahre lange Existenz für  die „Überaucher Thongruben“ nachweisen, die Ende der 80iger Jahre  nach und nach stillgelegt wurden. Besonders ergiebig sind die schriftlichen Erinnerungen, die der letzte Bürgermeister der damaligen selbstständigen Gemeinde Überauchen (1945-74) Franz Josef Fehrenbacher in einem Jahresheft des örtlichen Gesellschaft f. Altertums- und Brauchtumspflege Brigachtal e.V veröffentlicht hat.  

Geologische Einordnung der Ton-Erdenvorkommen auf der Gemarkung Überauchen

Landschaftlich ist das Brigachtal Teil der Baar einem relativ kleinen Naturraum in Baden-Württemberg und liegt nahezu im Zentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises, wo sie vom Rande des Schwarzwaldes nach Osten in die Baar-Hochmulde hineinreicht. Im Osten von Überauchen  liegt die Brigachaue.  Von dort steigt das Gelände in Richtung Westen an. Die Gemarkung Überauchen ist geprägt durch die Talaue der Brigach sowie den  umliegenden Hanglagen zu denen auch in südlicher Richtung der Haselberg mit seinen Ton-Erden-Abbaugruben am Rande des Weißwaldes zählt. Die Höhenlage der Gemarkung Überauchen liegt zwischen 700 und 800 m NN. Den Untergrund bilden die Gesteine des Muschelkalks, die in westlicher Richtung an den Bundsandstein, des Schwarzwaldes  stoßen.  Damit wird deutlich, dass an der östlichen Grenze der Gemarkung Überauchen die Landschaftsgrenze der Baar zum Schwarzwald verläuft. Die Überaucher Ton-Erden Vorkommen sind mit großer Wahrscheinlichkeit ein isoliertes Vorkommen tertiärzeitlicher Sedimentablagerungen, die relativ oberflächennah in einer Mächtigkeit von 5-6 Meter inmitten des Muschelkalkgesteins der Baar im Gewann Haselberg als Teil des Weißwaldes anzutreffen sind.

Geschichte zum Baustoff Ton und Abbau in den Tongruben Überauchen

Anzunehmen ist, dass es mehr eine Zufälligkeit war, die die damaligen Bewohner an die Tonablagerungen führte, als sie an verschieden Stellen auf ihrer Gemarkung nach Baumaterial für ihre Behausungen suchten. Neben Holz waren Steine und Lehm zu jeder Zeit einer der wichtigsten Baustoffe. Auf fast jeder Flurkarte finden sich ausgewiesene Gebiete, die auf einen Steinbruch, sowie eine Lehm-, Leim-, Ton- oder Mergelgrube hinweisen. Nicht selten sind dann in der Nähe Ziegeleien, Töpfereien, Hafnerwerkstätten oder andere Betriebe zu finden, die Steine, Lehm oder Ton als Rohstoff verarbeiten.

Lehm ist im Gegensatz zu Torf – den es ebenfalls auf der Gemarkung Überauchen gibt - anorganisch und besteht aus einem Gemisch von Ton, Schluff und Sand und wird seit rund 10.000 Jahren in Form luftgetrockneter Lehmziegel, Stampflehm und Lehmputz als Baumaterial für witterungsbeständige Behausungen verwendet. Da das Material relativ wasserundurchlässig ist und sich unter Beimischung von Wasser gut verstreichen lässt fand es auch Verwendung zum Abdichten von Wasserläufen, Gruben und Teichen. Belegt ist, dass bereits ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. in großem Umfang Ton zu Ziegeln gebrannt wurden.

Naheliegend ist, dass auch die Herstellung von Gebrauchsgeschirren wie Töpfe, Krüge, Becher, Teller aber auch Zierrat wie Figuren, Vasen aus dem formbaren Material einherging. So ist die Verwendung von Ton als Rohstoff für Töpferwaren und Keramik bis in das Jungpaläolithikum hinein belegt.

Der Übergang von Lehm zu Ton ist im wahrsten Sinne des Wortes fließend, denn Lehm bildet sich dort, wo ein fließendes Gewässer neben den feinsten Partikeln auch immer mal Sand und Schluff an seinen Ufern absetzt. In sehr langsam fließenden Bereichen des Vorfluters hingegen, ist meist nur noch ein sehr feiner Anteil an mineralischen Stoffen in der Schwebe, wodurch das Sediment dieser Abschnitte des Flusses Ton(erde) hervorbringt. Die Natur klassiert sozusagen die mineralischen Partikel und erzeugt dadurch unterschiedliche Arten von Ton-Gemischen.  

Als Tonminerale bezeichnen Fachleute einerseits Minerale, die überwiegend feinstkörnig vorkommen, andererseits jedoch die Schichtsilikate, die nach ihrer schichtartigen Kristallstruktur aus Silizium und Sauerstoff, sowie Wasserstoff und meist Magnesium und Aluminium benannt sind. Die Entstehung von Tonminerale geschieht durch Verwitterung von verschiedenen Mineralen oder sie  bilden sich neu aus übersättigten Bodenlösungen oder hydrothermalen Wässern. Als assoziierte Phasen kann Ton Materialien enthalten, die ihm keine Plastizität verleihen, z. B. Quarz, Calcit, Dolomit, Feldspat sowie organische Stoffe. Bei der Diagenese kommt es zu Ordnungsprozessen in den Kristallstrukturen der Tonminerale, die dann als Maß für die Reife eines Sediments und damit zur Qualitätsbestimmung verwendet wird. Da Tonminerale durch Beimengung von Wasser sehr weich sind, reagieren sie plastisch auf mechanische Beanspruchung. Sie wandeln sich beim Erhitzen in härtere und festere Minerale um  und  werden zu Keramik.

Ton ist also der wichtigste und älteste Rohstoff für die Herstellung von keramischen Erzeugnissen jeder Art. Als Bestandteil von Lehm wird er für die Herstellung von Ziegeln benötigt. Daneben wird er zusammen mit Kalkstein zur Produktion von Zement verwendet. Die vielfältigste Verwendung findet sich in unterschiedlichsten Gebrauchsgegenständen, die als Steinzeug, Porzellan oder Steingut sich in jedem Haushalt befinden. In der Bildenden Kunst dient er der Herstellung von Plastiken. Damit sind jedoch noch lange nicht alle Möglichkeiten aufgezählt in denen Ton als Rohstoff eingesetzt wird.

Hatte eine Gemeinde nicht nur ein einfaches Lehmvorkommen sondern  ein potentielles Tonvorkommen auf ihrer Gemarkung, so war sie in einer privilegierten Situation, da viele auf Keramik spezialisierte Betriebe immer einen Bedarf an qualitativ hochwertigem Ton haben und dafür auch recht ordentliche Entgelte zahlten.  Dies war in der Vergangenheit so und ist heute erst recht so, da der Bedarf an entsprechenden Ton-Erden stetig steigt.

Im Jahre 1836 suchten die Steingutfabrikanten Freiherr von Uchtritz und die Gebrüder Faist von Schramberg bei der Fürstl. Fürstenbergischen Domänenkanzlei um das ausschließliche Recht der Gewinnung von weißer Tonerde auf der Gemarkung Tannheim im dortigen Ochsenberg nach. Dort gab es nachweislich Tonerde, das Problem war jedoch, dass die abbaubare wertvolle Schicht unterhalb einer Waldbodenschicht lag, die eine Mächtigkeit bis 8 Meter hatte. Ein rentabler Abbau war daher nicht möglich. So wurde auf der Nachbargemarkung Überauchen nach Tonerde gesucht und auf dem Gewann Haselberg gefunden. Da dort die begehrte Dolomitschicht wesentlich oberflächennaher anzutreffen war,  war ein Abbau entsprechend einfacher und somit rentabl.

Also ersuchten die Schramberger Steingutfabrikanten um eine Konzession für den Abbau von Weißerde am Haselberg nach. Zu gleicher Zeit bewarben sich  jedoch auch die Gebrüder Horn, die eine Steingutfabrik in Hornberg betrieben, ebenfalls um eine Genehmigung zum Abbau der für ihre Steingutproduktion notwendigen Weißerde. Durch einen Beschluss vom 28. Juli 1838 der Großherzoglichen Direktion der forstl. Domänenärar und Bergbau, den diese im Namen seiner königlichen Hoheit des Großherzogs von Baden erließ, wurden beide Antragsteller mit einem Grundstück innerhalb dessen sich ein Weiß-Erde-Lager befand, belehnt.

Den Hornberger wurde ein Gelände von 16 Morgen (rd. 5,7 ha) zugesprochen wofür sie 300 Gulden zu bezahlen hatten. Die Schramberger mussten sich mit einem etwas südlich liegenden Gebiet von sechs Jauchert (etwa 6 Morgen/2,1 ha),Überaucher das nur teilweise im Eigentum der Gemeinde Überauchen war ansonsten im Privatbesitz eines Landwirts befand, zufrieden geben. Die Vermutung, dass die zu Baden gehörigen Hornberger gegenüber den aus dem württembergischen kommenden Schramberger Fabrikanten bei der Zuteilung bevorzugt wurden ist sicher nicht von der Hand zu weisen. So etwas nannte man damals Landespatronismus.

1916 wurde die kleinere Grube aufgegeben und eingeebnet. Inzwischen ist sie mit Hecken und Fichten bewachsen und kaum etwas deutet daraufhin, dass dort einst Hafner-Tonerde, wie das Steingutmaterial auch genannt wurde, abgebaut wurde. Durch die Schließung der Grube stellte die Schramberger Majolika Fabrik, wie sie sich inzwischen nannte, den Bezug der Tonerde aus Überauchen ein, da sie inzwischen bei Waldmössingen eine Ersatzgrube gefunden hatten. Da aber offensichtlich das dortige Material in der Qualität nicht an das aus Überauchen stammende heranreichen konnte, kamen sie 1926 wieder nach Überauchen zurück und holten bereits im ersten Jahr wieder 6553 Zentner, was 16 Eisenbahnwaggons entsprach, zur Produktion ihrer keramischen Erzeugnisse nach Schramberg.

Im Vertrag, den die Steingutfabrik Horn aus Hornberg  mit der Gemeinde Überauchen nach der Konzessionserteilung 1838 schloss, gab es bemerkenswerte Klauseln. So musste der Vertrag alle 5 Jahre erneuert werden. Dazu musste sich die Firma verpflichten … als Arbeitskräfte nur Bürger von Überauchen einzustellen und die ausgehobene Tonerde durfte nur durch die Bürgerschaft von Überauchen transportiert werden..  ausgenommen war jedoch,  …dass die Fabrikanten mit eigenem Fuhrwerk abfahren konnten, soviel ihnen möglich war.

 Von  1840 bis 1875 betrieb die Firma Horn die Grube in eigener Regie. Dies hatte für die Hornberger den Vorteil, dass sie  so viel Material abbauen konnten, wie sie benötigten und mussten dafür nur 40 Gulden Grubenlosung pro Jahr bezahlen. Die Grabarbeiten wurden jedoch von den Kleinlandwirten des Ortes vorgenommen. Für diese war es eine willkommene Nebeneinnahme, da es zur damaligen Zeit kaum eine andere Möglichkeit für einen Zusatzverdienst gegeben hat.

Im Jahre 1850 bezog zum ersten Mal die Steingutfabrik Lenz aus Zell am Harmersbach 14 Bennenwagen (ein kleines landwirtschaftlicher Wagen, das einspännig gezogen wurde) Tonerde. Da sie, wie so viele andere kleinere Abnehmer auch, nicht an der pauschalen Abbau-Konzession beteiligt waren, mussten sie die bezogene Menge in bar bezahlen. Als Preis war festgesetzt: „… 15 Kreutzer für ein maßvoll beladener Bennenwagen“.

Mit der Firma Schaible kam 1867 ein weiterer Abnehmer der Überaucher Dolomit-Erde aus Zell am Harmersbach hinzu. Später schlossen sich diese beiden Betriebe zur Vereinigten Steingutfabrik Georg Schmider Zell .a. H. zusammen, die dann über 100 Jahre, sich als verlässliche Abnahme-Kunde für die Gemeinde Überauchen erweisen sollte.   

Mit Beschluss des Gemeinderates vom 2. Mai 1875 übernahm die Gemeinde Überauchen die Grube in ihre eigene Regie und handelte mit allen Firmen entsprechende Abnahmeverträge aus.  Dabei ist bemerkenswert, dass in den Verträgen von 1875 immer noch in Gulden und Kreuzer gerechnet wurde obwohl bereits 1871 die Währung auf Mark und Pfennig umgestellt wurde. Aus diesem Grunde finden sich auf den ausgestellten Rechnungen entsprechende Umrechnungen der alten mit der neuen Währung. An Hand der Abnahmemengen lassen sich sehr gut die konjunkturellen Zyklen der Firmen erkennen, die immer wieder mit schwereren Krisen zu kämpfen hatten und daraufhin entweder vom Markt verschwanden oder auf einen neuen Eigentümer übergingen.

Offensichtlich hatte es sich bei den Steingutfabriken herumgesprochen, dass aus der Grube in Überauchen guter Dolomit und Kalkstein gewonnen und dieser zu relativ günstigen Konditionen zu haben war. Dazu kam, dass seit 1873 das Brigachtal durch die Schwarzwaldbahn erschlossen war und nun in Klengen, das Material aus der 1km entfernten Grube auf Güterwaggons verladen werden  konnte, damit sie dann schnell selbst an entfernteste Orte geliefert werden konnte.  In den noch vorhandenen Verkaufsbüchern ab 1875 sind neben den Hauptabnehmer aus Hornberg, Zell a. H. und Schramberg eine Vielzahl von Betrieben verzeichnet, die manches Mal nur eine einmalige Lieferung bezogen. In anderen Fällen sind es Betriebe, die viele Jahre größere Mengen bezogen haben.  Dazu zählte ein Fabrikant in Schorn bei Zürich ebenso, wie ein Steingutproduzent aus Kaiserslautern. Ab 1909 bezog für einige Jahre eine Firma Jakobi in Neuleiningen/Pfalz sowie  die Firma Kick in Amberg/Bayern Tonerde von der Gemeinde. Die größte Liefermenge, die zu dieser Zeit eine Firma im Jahr bezog waren 5352 Zentner. Den weitesten Weg machten die Lieferungen von dolomitischen Mergel an die Firma Mehner in Eula im Sudetenland, die diese in Überauchen einige Jahre bestellten.

1882 stellt die Steingutfabrik der Gebrüder Bordollo aus Grünstadt/Pfalz ein Lieferungsgesuch für Tonerde  an die Gemeinde Überauchen. Diese stimmt zu und konnte bis in die 50iger Jahre beträchtliche Mengen in die Pfalz liefern.

Als 1905 die Hornberger Fabrikanten ihre Produktion von Steingut einstellten ging eine über 65 Jahre dauernde Geschäftsbeziehung zu Ende und ein bedeutender Abnehmer mit zuletzt jährlich  10 Waggons zu je 400 Zentner, verloren.

Anstelle der Hornberger kommen jedoch neue Annehmer auf die Gemeinde Überauchen zu. Ein Ofenfabrikant aus Emishofen/Schweiz ortete 1042 Zentner, ebenso die Steingutfabrik Adler in Kirchheim/Rheinpfalz 409 Zentner. Über 40 Jahre lieferte Überauchen an die Firma Ziegler in Neuhausen bei Schaffhausen. Selbst während der beiden Weltkriege, als die Grenzen geschlossen waren, wurde geliefert. Die notwendige Sondergenehmigung wurde durch die Schweizer erreicht und das Geldgeschäft über die Reichsbank in Berlin abgewickelt.

Abbau des Tongesteins

Nach Aussagen von Zeitzeugen, die noch selbst in der Tongrube am Haselberg gearbeitet haben oder deren Väter oder Großväter schon mit dem Abbau des Tongestein beschäftig waren lässt sich ein gutes Bild erstellen auf welche Weise der wertvolle Rohstoff aus der Grube gewonnen und wie er zu den jeweiligen Abnahmebetrieben gebracht wurde.

Da das Überaucher Tonvorkommen oberflächennah anzutreffen war konnte es im Tagebau also relativ einfach zugänglich abgebaut werden. Anfänglich mussten alle Arbeitsvorgänge von Hand erledigt werden. Dies erforderte eine große körperliche Anstrengung, die nur junge, gesunde Männer mit kräftiger Statur ausdauernd leisten konnten. Die Zeitzeugen berichten, dass im Regelfall 4 bis 6 Männer in der Grube arbeiten und 2 bis 4 Männer das Verladen und den Transport der Erde mit Pferdefuhrwerken bewerkstelligten. Als Arbeitsgeräte dienten Hacken, Schaufeln, Brecheisen und Steinhammer zum Ausbrechen der brüchigen Steine und dem dazwischen eingelagerten Sand, sowie Eimer und Schubkarren mit denen das ausgebrochene Material aus der Grube zu den Sammelstellen für das Verladen  transportiert werden konnte. Da die Fabriken unterschiedliche Ansprüche zur Beschaffenheit bzw. zur Qualität hatten musste das gewonnene Material sortiert und in sogenannten Bunkern getrennt zur Verladung bereitgestellt werden. Das Sortieren der Steine wurde von Hand vorgenommen und die Erde wurde mit Sieben entsprechend selektiert.

Bevor man jedoch an die Dolomit führende Schicht gelangen konnte musste zunächst die mehr oder weniger dicke Decksicht aus Waldboden, Wurzeln, Moos und allerlei sonstigen Ablagerungen -   in der Bergmannsprache auch Deckgebirge, da es durchaus ein bis zwei Meter dick sein konnte,  bezeichnet - von Hand abgraben werden. Diese Vorarbeit musste mit großer Sorgfalt geschehen, da sonst zu viel  unbrauchbares Material das wertvolle Tongestein verunreinigt hätte und dann im Nachhinein eine mühevolle Sortierung notwendig gemacht hätte, wenn nicht  gar das Tonmaterial völlig unbrauchbar geworden wäre. Man kann sich vorstellen was dies bedeutet hätte. Dieser Abraum wurde zunächst zur Seite geschafft, damit man es später ggf. wieder zur Verfüllung der ausgebeuteten Tonlager verwenden konnte.  In der Regel wurde nur eine solch große Fläche für den Abbau freigelegt, die in der jährlichen Kampagne, die sich im Regelfall auf die Monate Mai, Juni, Juli und August, also die trockenen Sommermonaten erstreckte,  abgebaut werden konnte. Wichtig war, dass die Abbaugrube und somit das Tonmaterial relativ trocken blieb, damit durch Wasser das Ton-Material nicht unnötig schwer, noch dazu so schmierig und klietschig wurde, dass ein Abbau nicht nur sehr beschwerlich sondern auch gefährlich geworden wäre. Der Abbau erfolgte gegen den Berg. Damit wurde erreicht, dass auftretendes Wasser schnellst möglich durch entsprechende Rinnen von der Abbaustelle weg geleitet werden konnte. Die Menge des Abbaus hing natürlich von der Bestellmenge ab, die dann eine entsprechende Anzahl von Arbeitskräften benötigte. Da in den Sommermonaten auch in der Landwirtschaft für die Heu- und Getreideernte jede Arbeitskraft gebraucht wurde, war es häufig problematisch, dass sich für den Ton Abbau genügend Arbeitskräfte finden ließen. Dies war besonders in den Zeiten während aber auch in den Folgejahren des 1. und zweiten Weltkrieg der Fall, da ja in dieser Zeit sich gerade die jungen Männer des Ortes an der Kriegsfront befanden bzw. nicht mehr aus dem Krieg heimkehrten.

 Die größte Blüte erlebte die Tongrube in Überauchen vom Anfang dieses Jahrhunderts bis Mitte der sechziger Jahre. Das Graben der Tonerde wurde jedes Jahr im Akkordlohnverfahren vergeben. Dies bedeutete, dass die Entlohnung auf Grund der geförderten Menge erfolgte und die Verdiensthöhe durch die jeweiligen Arbeitskräfte beeinflussbar war. Dazu suchte die Gemeindeverwaltung eine sogenannte Akkordante. Dieser war dann der Gemeinde gegenüber verantwortlich, was die Menge und die Qualität des Abbaumaterials betraf. Dieser suchte seinerseits dann die notwendige Anzahl der Mitarbeiter zusammen, koordinierte deren Arbeitseinsatz, stellte die jeweilige Arbeitsleistung fest und zahlte dann den entsprechenden Lohn aus. Da die Abrechnung mit den Steingutfabriken im Regelfall immer erst im Herbst stattfand wurde die Lohnabrechnung ebenfalls im Herbst vorgenommen. In der Zwischenzeit gab es ein höchstens zwei Mal einen Vorschuss. Durch das Akkordsystem verdienten die allermeisten Tongrubenarbeiter nicht selten doppelt so viel, wie als   normaler Taglöhner. Kein Wunder, dass die Arbeit in der Tongrube trotz ihrer Schwere begehrt war. Dies lag auch daran, dass die Familien, die eine Arbeitskraft für die Tongrube stellten jährlich eine bestimmte Anzahl von Gebrauchsgeschirren als Zuwendung der Steingutfabriken erhielten. Noch heute haben viele Familien in Überauchen verschiedene Arten von Steingut-Geschirren aus der Kollektion der Fabriken aus Zell a. H., Majolika Schramberg und Grünstadt. In normalen Jahren meldeten sich meist weit mehr Arbeitskräfte für die Grube als gleichzeitig beschäftigt werden konnten. Damit jedoch alle in den Genuss der gut bezahlten Arbeit kommen konnten wurden Nummern ausgegeben. Jeden Tag wurde gewechselt, so dass ein Arbeiter nur zwei höchsten drei Tage in der Grube arbeiten konnte, den Rest arbeitete er dann in der schlechter bezahlten Landwirtschaft. Da der Akkordant auch verantwortlich war, dass nur einwandfreies, gut sortiertes Material zur Verladung kam musste er auch den Kopf hinhalten, wenn von den Fabriken diesbezüglich Beanstandungen kamen. Wenn es bei einer Ermahnung blieb hatte er Glück, ansonsten kam es zu Abzügen in der Entlohnung, die er dann gegenüber seinen Arbeitern vertreten müsste.  

Bis zur Fertigstellung der Schwarzwaldbahn im Nov. 1873 wurde das Material mit Pferdefuhrwerken nach Hornberg, Zell und Schramberg transportiert. Die Bezahlung erfolgte nach verladen Zentnern und Kilometern. In den schriftlich festgehaltenen Erinnerungen von BM Fehrenbacher liest es sich so: „ Die Beifuhr zum Bahnhof nach Klengen erfolgte ebenfalls im Akkord, die Bezahlung nach verladenen Zentnern. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden bei der Bahn Waggons mit 400 Zentnern verwendet. In den besten Jahren wurden bis zu 80 Waggons verladen. Acht Landwirte mit Pferdefuhrwerk nahmen die Verladung vor. Zwei schlossen sich immer zu einer Partie zusammen. Sie beförderten in sechs oder sieben Fuhren zu je 60 bis 70 Zentner in einem halben Tag mindestens 400 Zentner zum Bahnhof. Jeder hatte hierzu einen extra starken Wagen. Da die schmalen eisenbereiften Räder bei den damaligen Straßenverhältnissen die Straßen oft beschädigten, verlangte die Gemeinde Klengen, daß die Gemeinde Überauchen sich zur Hälfte an der Unterhaltung der Bahnhofstraße beteiligte. Und weiter schreibt er:  In einem halben Tag 400 Zentner zu verladen, Auf- und Abladen alles mit der Schaufel, war eine harte Arbeit. So war es nicht verwunderlich, dass die Fuhrleute nach getaner Arbeit in der Bahnhofswirtschaft einkehrten. Für promptes und schnelles Wiegen des Waggons durch einen Bahnbediensteten konnte dieser mit der Bezahlung eines Schoppens in der Bahnhofswirtschaft durch die Fuhrleute rechnen.

Nach der Jahrhundertwende erfolgte die erste Modernisierung in der Grube. Die Gemeinde konnte   günstig leicht zu verlegende Rollbahngleise und mehrere Kipploren mit denen nun schneller und leichter der Abraum an weiter entfernte Orte transportiert werden konnte. Dann wurden die Gleise an die Abbaustelle verlegt und das ausgebrochene Material in brauchbares und unbrauchbares Material in eine jeweilige Lore sortiert und abtransportiert.  Auf diese Weise wurde die schwere Schubkarrenarbeit überflüssig und  die Grubenarbeit um einiges erleichtert. Was sich natürlich in der Abbauleistung bemerkbar machte.

Im den Jahren des Zweiten Weltkriegs hatte die Gemeinde mit der Gestellung von Arbeitskräften, die größten Schwierigkeiten. Nur noch ältere Männer standen zur Verfügung. Auch die Einschaltung des  Arbeitsamtes brachte keine nennenswerte Verbesserung. In den Jahren 1941 bis 1944 wurden sogar französische Kriegsgefangene, die bei Landwirten beschäftigt waren, zum Graben der Erde herangezogen. Die Ironie der Geschichte sorgte so dafür, dass nun französische Kriegsgefangene mit älteren Männer aus Überauchen zusammenarbeiten mussten, die im Ersten Welt Krieg in Frankreich  in die Gefangenschaft geraten waren. In den ersten Nachkriegsjahren wurde die Lage noch aus einem anderen Grund problematisch. Einerseits mussten die Fabriken Geschirr als Reparationsleistung nach Frankreich liefern und brauchten dafür entsprechende Mengen an Rohmaterial, das aber Überauchen aufgrund mangelnder Arbeitskräfte nicht liefern konnte.  In dieser Situation blieb den Fabriken nichts anderes übrig als dass sie Mitarbeiter der Fabriken nach Überauchen schickten.

Wie sehr die Situation der Nachkriegsjahre die Steingutfabriken unter Druck setzte macht ein Auszug eines Berichts, den der Direktor der Majolika Fabrik Schmoll an das Landratsamt schickte, sehr deutlich:

… die Aussprache mit Herrn Bürgermeister Fehrenbacher, dem früheren Bürgermeister Doser und Landwirt Effinger haben ergeben, dass bei der  jetzigen Arbeitseinteilung und Arbeitsweise der Bedarf der Fabriken unmöglich gedeckt werden kann.  Herr Bürgermeister Fehrenbacher gab an, dass seine Bemühungen weitere Arbeitskräfte für die Grube zu gewinnen, gescheitert  seien, dass von seiner Seite aus alles getan worden wäre, um mehr Arbeitskräfte für die Grube zu gewinnen, dass er aber keinen Erfolg gehabt habe, da ihm keinerlei Zwangsmittel zur Verfügung stünden.

… wir kamen überein, dass Arbeitskräfte von den beteiligten  Fabriken zur Verfügung gestellt werden und zwar: von der Schramberger Majolika-Fabrik A. Zeller Schramberg sodann von der Georg Schmider, Zell a.H. jeweils 3 für Grubenarbeit geeignete Arbeitskräfte für die Dauer von etwa 14 Tagen.

Schramberg beginnt sofort mit der Gestellung dieser Arbeitskräfte und es soll sich dann Zell anschließen. Wegen Unterbringung, Verpflegung und wegen rationaler Arbeitsweise in der Grube ist es ratsam, dieses Arbeitskommando nicht mit 6 Personen zusammen zu stellen, sondern nacheinander. Der frühere Bürgermeister Doser, der in der Grube und in der Gewinnung der Tonerde gut Bescheid weiß, hat sich bereit erklärt, bei der Überwachung der Arbeitskräfte behilflich zu sein.

Anlage einer neuen Abbaugrube

  Nach dem Krieg trat zunehmend jedoch noch eine ganz andere Schwierigkeiten auf. In der bestehenden Grube wurde nun schon 100 Jahre Dolomit-Erde abgebaut. Die Folge war, dass immer mehr gegen den Berg gegraben werden musste, der eine immer dickere Deckschicht aufweist. An manchen Stellen musste bis zu 8 Meter untauglicher Abraum abgetragen werden bevor man an das verwertbare Material herankam. In dieser Situation stand Aufwand und Ertrag in einem sehr ungünstigen Verhältnis. Ein Ausweg konnte sein, dass der Abbau an anderer Stelle mit geringerer Deckschicht vorgenommen wurde. Unter Mithilfe von Geologen suchte man in der Nähe der 1916 aufgegeben Grube. Durch Probegrabungen und entsprechende Messungen wurde man schließlich fündig. Die ersten Abbaumengen wurden durch den Direktor Schmoll noch vor Ort begutachtet und für gut befunden. Erst als das Material in den Fabriken Zell und Schramberg angeliefert und aufbereitet wurde stellte sich heraus, dass das Material eisenhaltig und damit für die Steingutproduktion unbrauchbar ist. In dieser misslichen Situation wandten sich die Fabrikanten an die Badische Geologische Landesanstalt und baten um Hilfe. Diese schickten mit Willi Paul einen profunden Geologen, der sich bestens mit den Besonderheiten des Gebiets um Überauchen  und des dortigen  Muschelkalks auskannte, da er in Villingen geboren und in Vöhrenbach lebte. Schon beim ersten Besuch der neuangebrochenen Grube stelle er fest, dass das ganze Problem nur darin bestand, dass zwischen die gut geeigneten Tonmaterialen sich gleichaussehende aber ungeeignete Schichten eingelagert waren. Nun mussten nur noch die Arbeiter in der Selektion von tauglichem und untauglichem Abbaugestein geschult werden und das Material entsprach wieder den Ansprüchen der Fabriken.

Eine Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass der zukünftige Abbauort auf privatem Grund lag und noch durch keine geeignete Straße erschlossen war. Offensichtlich gab es Widerstände durch den Grundstückeigentümer das Gelände der Gemeinde zu überlassen.

Im April 1946 macht Direktor Schmoll von der Schramberger Majolika Fabrik  in folgendem Schreiben Bürgermeister Fehrenbacher ordentlich Druck:

… die Anlage einer neuen Fördergrube sofort in die Hand zu nehmen; durch Probelöcher muss die Tonlage sofort feststellbar sein.

Die Fabriken sind bereit, für die Erstellung geeigneter Förder- und Umlade-Vorrichtungen einen einmaligen Zuschuss zu leisten, dessen Höhe nach Vorlage des Kosten-Voranschlages bestimmt wird.

Meinungsverschiedenheiten wegen des Grundstückstausches, Anlage des Beifuhrweges, dürfen wegen der Wichtigkeit der Sache keine Rolle spielen und müssen innerhalb der Gemeinde zu bereinigen sein, u.U. unter Anrufung des Landratsamtes.

In der heutigen Notzeit müssen alle Beteiligten guten Willen sein, solche Schwierigkeiten in Gutem aus der Welt zu schaffen, zumal dies auch möglich sein sollte.

Es dauerte nicht lange bis sich auch Landrat Bröse sich in der Handlungspflicht sah und seinerseits mit folgendem Brief Hilfe von dem damals großen Bauunternehmer Bisswurm aus Villingen erwarte:

Betr. Tongrube Überauchen /Juni 1946

Ich nehme Bezug auf die Besprechung an Amtsstelle. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen sachverständigen  Rat erteilen können, wie man die Tongrube in Überauchen produktiver gestalten könnte. Ich bitte Sie um Ihre Äußerung, ob Sie gegeben falls  bereit sind, die Grube käuflich  zu erwerben, oder sich finanziell und mit Ihrer praktischen Erfahrung an dem Unternehmen zu beteiligen.

Wichtig ist vor allem Arbeitskräfte zu gewinnen; auch hierüber sehe ich Ihrem Vorschlag entgegen. 

Dass diese Einmischung in Überauchen nicht besonders gut ankam darf angenommen werden. Es gibt zwar keine Notiz zur Reaktion des Bürgermeisters. Es gibt jedoch auch keinen Beleg zur Antwort des Bauunternehmers womit angenommen werden kann, dass die Angelegenheit so nicht gelöst werden konnte.

Sicher ist, dass die Überaucher, sich ihre Tongrube nicht aus der Hand nehmen ließen und selbst aktiv wurden. Kipploren und entsprechende Schmalspurgleise hatten sie ja schon, diese mussten nur von der alten in die neue Abbaustelle verlegt werden. Die alte Grube wurde nun als Schuttabladeplatz und später als Mülldeponie benutzt. Nach Abdeckung mit Bauaushub und Humus wurde das Gelände bepflanzt.

An der neuen Abbaustelle lässt die Gemeinde Überauchen durch den Bauunternehmer Oswald Effinger aus Klengen die Fundamente und Wände  für eine Kipp- und Verladestation  fertigen. Diese ist so konzipiert, dass sie drei Silo zur Lagerung des sortierten Materials hat und eine Einfahrt für LKW bietet, damit die Loren direkt auf die Ladepritsche gekippt werden konnte. Dazu wurde die befüllte Lore  mittels einer Seilwinde auf ein Podest gezogen und entweder direkt auf die LKW-Pritsche oder in eines der drei Vorratssilos entleert. Auf diese Weise konnte das Ton-Material auf direktem Weg zu den Fabriken gefahren werden. Von nun an musste das Material nicht mehr mehrere Male umgeladen werden bis es zum Bestimmungsort gelangte. Durch diese neue Art der Materialbeförderung verloren viele Landwirte ihren Nebenverdienst, da ihre Pferdefuhrwerke nun ausgedient hatten und man auch viel weniger Arbeitskräfte brauchte, die mit der Schaufel das Material von einem Transportgerät auf das andere schippen mussten. Dafür hatten zwei Landwirte die Zeichen der Zeit erkannt und sich einen LKW angeschafft mit dem sie nun anstelle der Eisenbahn, das Überaucher Material direkt von der Grube in die Aufbereitungshalle in der Fabrik brachten.

Um den dolomitischen Rohstoff trocken zuhalten wurde die Kippanlage überdacht. Auf diese Weise wurde der Abbau erheblich rationalisiert und die   Abbaumenge konnte deutlich erhöht werden. Inzwischen war mit der Keramikfabrik Herbolzheim noch ein weiterer Großabnehmer dazu gekommen. Dass die Arbeit im Ton Abbau nicht ungefährlich war verdeutlicht die Schilderung eines Zeitzeugen: „Wir zu 5th an der etwas drei Meter hohen Abbauwand und brachen Steine heraus. Herabfallende  Erde und kleinere Steine wurden zunächst ignoriert. Urplötzlich schrie einer  der Männer weg, weg die Mauer kommt. Geistesgewärtig sprangen alle zur Seite und entfernten sich von der Mauer, die augenblicklich mit lautem Getöse in sich zusammenbrach. Wären wir nur zwei Sekunden später von der Wand weggerannt, wir wären unter der zusammengestürzten Wand begraben oder von den dicken Gesteinsbrocken erschlagen worden. Es dauerte Tage bis wir die abgestürzte Ton-Masse beseitigt hatten und dabei danach und nach die verschütte Lore, die Werkzeuge und unsere zurückgelassenen Jacken und Trinkgeschirre bergen konnten“. 

Im Laufe der Zeit stiegen die Ansprüche der Abnehmer bezüglich Reinheit und Menge. Da durch Handarbeit zwar auf sehr gute Sortierung geachtet werden konnte, die Mengenleistung jedoch naturgemäß von der Anzahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte abhing wurde mit der Zeit der Einsatz von Radladern unumgänglich. Da die neue Grube in ihrer Mächtigkeit um einiges kleiner war als dies bei der alten Grube der Fall war passierte es immer häufiger, dass unbrauchbares Gestein mit dem Tongestein abgebaut wurde und anschließend mühsam getrennt werden musste. So blieb es nicht aus, dass immer mehr Reklamationen von den Abnahmefabriken kamen und sie die abgenommen Mengen reduzierten. Dies lag natürlich auch daran, dass inzwischen andere Tongruben weit bessere Qualitäten lieferten und dies auch noch zu günstigeren Preisen. Der gravierendste Grund war jedoch, die Tatsache, dass die ganze Steingutbranche in Deutschland in eine Krise geriet. Ein Betrieb nach dem anderen hatte große Absatzschwierigkeiten, da einerseits aus dem Ausland billigere Ware auf den Markt kam und andererseits sich die Kundenwünsche bezüglich des Gebrauchsgeschirrs änderten. So blieb nicht aus, dass alle drei Großabnehmer mit ihren Betrieben Konkurs anmelden mussten und als Kunde ausfielen.  So wurde ab 1970 immer weniger Tonmaterial abgebaut und 1981 die Tongrube endgültig aufgegeben.

Tonsorte und Eigenschaften

  Bei dem in Überauchen über 180 Jahre abgebauten Material handelte es sich überwiegend um hellen - bis weißlich grauen dolomitischen Mergel, der für die keramische Industrie abgebaut wurde. Dieser dolomitische Mergel, im Volksmund Weißerde oder Tonerde genannt bezeichnen Geologen je nach Anteil des Dolomit Minerals auch als  Dolomit oder dolomitischen Kalkstein.  Diese Vorkommen sind ein Schichtglied des Mittleren Muschelkalkes, der in unserer Gegend bis zu 90 Meter stark sein kann. Die Mächtigkeit des Vorkommens liegt im Regelfall zwischen 5 bis 6 Meter und besteht aus mehreren in Farbe, Festigkeit und Körnung sehr verschiedenen Schichten. An Stellen, wo sie sehr oberflächennah zu Tage treten bzw.  nicht tief gelagert sind, ist diese Schicht im Regelfall durch natürliche Auswaschungsprozesse  über Jahrtausende  von Gips, Salzen und anderen Stoffen befreit sind, so dass es sich sehr gut zur Herstellung von Steinguterzeugnissen eignet. Nicht selten sind die Schichten des dolomitischen Mergels mit unbrauchbarem Gesteine durchsetzt. Verwerfungen und Verschiebungen sind nicht selten, so dass beim Abbau sehr genau darauf geachtet werden muss, dass brauchbares und nicht brauchbares Material gut getrennt wird, da ansonsten, bei der Aufbereitung und dem Brennprozess der Steingutmassen ungewünschte Reaktionen auftreten könnten, die im schlimmsten Fall  ganze Produktionsserien unbrauchbar machen würden.

Eine  von der Gemeinde Überauchen 1928 in Auftrag gegebene Analyse des abgebauten Materials durch die Bad. Chemischen technischen Prüfungs- und Versuchsanstalt in Karlsruhe brachte folgendes Ergebnis an den Tag:

Kieselsäure SiO2/ 11,53%; Tonerde (Aluminiumoxid Al2O3/ 0,93%; Eisenoxyd  Fe2O3/ 0,47%;

 Kalk CaO/28,73%; Magnesiumoxid (MgO) 19,86 %; Kalium- und Natriumoxid (Na2O/ K2O) 1,26 %; Glühverlust (Kohlensäuere CO2/Wasser H2O) 37,37 %

Aufgrund dieser Werte wurde das vorgelegte Material von den Fachleuten nicht als Ton im eigentlichen Sinne, sondern als ein mit Kieselsäure und Silikat vermischter dolomitischen Kalkstein eingestuft.

Dieses Urteil zu ihrem vermeintlichen hochwertigen Tonvorkommen war für Überauchen zunächst sehr ernüchtern. Statt des erhoffen Anteils an weißlichen Kaolin, das dem Material das Prädikat Porzellanerde eingebracht hätte, hatte es nur einen relativ hohen  Kalkanteil, der für die relativ helle Farbe sorge. Auch der Anteil an Aluminiumoxid war mit nicht einmal 1% mehr als bescheiden und qualifizierte das Überaucher Vorkommen als Tonerde ab. Für die Abnahme-Fabriken war dies jedoch offensichtlich kein Problem, da sie ja schon viele Jahrzehnte das Überaucher Material erfolgreich zur Herstellung ihrer Produkte verwendeten. Dabei muss man wissen, dass alle Fabriken, die das Überaucher Material zur Herstellung ihre Produkte verwenden, sich auf die Herstellung von Steingut als Alternative zum teuren Porzellan spezialisiert hatten. Steingut, im 18. Jahrhundert in England erfunden, bezeichnet eine Gruppe keramischer Erzeugnisse mit porösen Scherben, die in die Untergruppen Kalk- oder Weichsteingut, Feldspat- oder Hartsteingut und Mischsteingut weiter unterteilt werden kann. Zur Herstellung von Steingut war zwar auch Ton notwendig. Diesem musste jedoch noch, Quarz, Feldspat und ggf. anderen Mineralien wie zum Beispiel Calcit beigemischt werden. Für diese Beimischung brachte das Überaucher Material mit seiner Mineralen Zusammensetzung geradezu ideale Voraussetzungen mit und war quasi für die Steingutfabriken unverzichtbar, was in späteren Jahren noch eine große Rolle spielen wird. Ein Vorteil der rohen Steingutmasse war, dass Sie durch die Zuschläge, die das Überaucher-Material lieferte eine Eigenschaft erhielt, die sie nicht mehr aufwendig von Hand geformt werden musste sondern man konnte sie in vorgefertigte Formen gießen und so Teller, Tassen, Krüge, Töpfe, Figuren, eigentlich jede denkbare Form in beliebiger Zahl herstellen. Dadurch wurde die Serien-Fertigung großer Stückzahlen möglich. Auch die  Brenntemperatur ist mit 970 bis 1320 °C  deutlich niedriger als bei Porzellan. Je nach Ausgangsmaterial war die Farbe der gebrannten Produkte  zwischen weiß, grau bis cremegelb. Aufgrund der geringen Brenntemperatur versinterte das Produkt allerdings nicht vollständig was die Folge hatte, dass die Produkte nicht wasserdicht waren. Deswegen wird Steingut im Regelfall mit einer allseitig aufgetragenen Glasur versehen. Diese ist durchsichtig, oft bleihaltig, und muss in einem zweiten Brand bei etwa 100 °C niedrigeren Temperaturen aufgeschmolzen werden. Die Bemalung von Hand oder der erheblich schnellere und daher billigere  Umdruck Dekor mussten  vor dem Glasurbrand auf den trockenen Scherben aufgetragen werden. Natürlich gab es auch die Möglichkeit der Aufglasur-Dekorationstechniken, die speziell bei Dekorstücken wie Uhrengehäuse, Tortenplatten und Figuren angewendet wurden.

Verwendung und Abnahmefabriken

Die Betreibung der Überaucher-Tonabbaugruben ist eng mit einigen großen Steingut-Fabriken verbunden, die entweder durch ihre Geldgeber oder in anderer Weise verbunden und dadurch auch in ihrem Rohstoffbezug auf den Überaucher-Steingut-Rohstoff ausgerichtet waren. Die enge Verbundenheit dieser Firmen wird immer wieder deutlich am Schriftwechsel in dem der Direktor der Schramberger Majolika Fabrik auch im Namen der anderen Steinguterzeuger mit Überauchen verhandelt.

Zeitweise war offensichtlich sogar die Existenz dieser Firmen gefährdet, da es in Überauchen scheinbar nicht möglich war, die notwendigen Mengen rechtzeitig zu liefern. Mehr als einmal musste der Direktor der Schramberger Majolika Fabrik persönlich nach Überauchen kommen um vor Ort sich ein Bild über die Abbaubedingungen zu machen und mit dem Bürgermeisteramt entsprechende Vereinbarungen auszuhandeln. So lesen wir in einen archivierten Bericht:

… Der Unterzeichnete war am 14. ds. MMts. erneut in Überauchen, um sich von dem gegenwärtigen Stand der Arbeiten in der Tongrube durch Augenschein zu unterrichten. Mit den Arbeiten ist begonnen worden, jedoch liegen besondere Schwierigkeiten vor, weil umfangreiche Erdmassen, Waldboden abgedeckt werden müssen und sich die Tongrube im allgemeinen  in verwahrlostem Zustand befindet. Die Abdeckarbeiten  sind im Großen und Ganzen beendet und es muss jetzt das abgedeckte Material weggeschafft werden, um die Tonerdelager frei zu bekommen.

ein anderes Mal ist zu lesen

… mit Herrn Bürgermeister Fehrenbacher wurden die Einzelheiten besprochen und erneut darauf hingewiesen, dass die an der Tonlieferung interessierten Steingut-Fabriken unmöglich davon abhängig sein können, dass nicht genügend Arbeitskräfte von der Gemeinde Überauchen eingesetzt werden. Die Fabriken sind, um arbeiten zu können, auf die Lieferung von Tonerde unbedingt angewiesen. Es kann wirtschaftlich nicht verantwortet werden, dass die Fabriken vorübergehend stillgelegt werden müssen, weil nicht genügend Tonerde zur Lieferung kommt, obwohl es der Gemeinde Überauchen bekannt war, dass die Tonerdegrube in lieferfähigen Zustand versetzt werden musste und die Fabriken mit der rechtzeitigen  Anlieferung der Tonerde  gerechnet haben.

auch dieser vermerk macht die prekäre Lage deutlich:

Es wird das Landratsamt Villingen, sowie das Arbeitsamt Villingen dringend gebeten, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen und das Bürgermeisteramt Überauchen in den Bemühungen, die Lieferung der Tonerde aufzunehmen, zu unterstützen. Die Fabrik in Zell war gezwungen, um nicht zum Stillstand zu kommen, einen Lastwagen Tonerde mit eigenen Arbeitskräften in der Tongrube zu gewinnen und nach Zell zu befördern. Grünstadt braucht ganz dringend Tonerde und auch die Fabrik in Schramberg ist nur noch für etwa 2-3 Wochen versorgt.

Welche bedeutende Firmen zu den Kunden der Gemeinde Überauchen zählten machen folgende kurzen Firmenportaits deutlich.

Steinporzellanfabrik Hornberg

Bereits 1838 erhielt die Steinporzellanfabrik der Gebrüder Horn aus Hornberg eine Konzession zur Anlegung einer Grube und dem Abbau von dolomitischen Mergel auf der Gemarkung in Überauchen. Neben Porzellangeschirr produzierten sie zunehmend auch Steingutgeschirr für den alltäglichen Gebrauch. Nach 1870 gedieh die Fabrik unter der Familie Horn zu einer für die seinerzeitigen Verhältnisse imponierenden Größe, insbesondere nachdem ihre Warenliste auf die gangbarsten größeren Gebrauchsgeschirre  konzentriert worden war. Das künstlerisch verzierte Geschirr jener Zeit fand auch im nahen Ausland, besonders in der Schweiz, eine überraschende Aufnahme und Wertschätzung. Nachdem die Firma 1907 sich zu einer Aktiengesellschaft wandelte wurde die Produktion wieder zunehmender auf hochwertigere Porzellanprodukte ausgerichtet und der Grundstein für die spätere Duravit mit seinen keramischen Sanitärprodukten gelegt. Ab 1912 wurde die Herstellung von Steingeschirr gänzlich eingestellt was auch zur Beendigung der rd. 65-jährigen Geschäftsbeziehung mit Überauchen führte.  

Majolika Fabrik Schramberg

 Zur gleichen Zeit wie die Hornberger Gebrüder Horn durfte auch die Schramberger Majolika Fabrik in Überauchen eine Tongrube eröffnen. Sie wurde 1820 vom Steinzeug Experten Isidor Faist als Schramberger Töpferei gegründet. Seine Steinzeugfabrik war die erste im württembergischen Raum. In der Firmenbiografie steht dazu: … der Standort war sorgfältig ausgewählt worden. Die Umgebung bot alles, was er brauchte: Das leere Schramberger Schloss bot genügend Raum für die Produktion und die Umgebung bot gute Rohstoffe sowie genügend Holz für das Brennen der Öfen. Darüber hinaus bot die nahe Schiltach eine weitere Energiequelle und natürlich Wasser. Und billige Arbeitskräfte waren zur Hand, da die Gegend um Schramberg arm war und die Arbeiter leicht zu bekommen waren.

Mit dem Baron Ferdinand von Uechtritz hatte Faist einen sehr potenten Geldgeber an seiner Seite, der dafür sorgte, dass dem wachsenden Bedarf an edlem Porzellan aber vor allem der immens nachgefragten Steingutgeschirr, die notwendigen Produktionskapazität ermöglicht wurden. Besonders die Serienfertigung des Steingutgeschirres brauchte richtig Platz, da das trockene aus Steinen und Erde bestehende Ausgangsmaterial im Gegensatz zum reinen Ton, fein gemahlen und dann nach entsprechenden Rezepturen gemischt und zu einem sogenannten Schlicker aufbereitet werden musste. In diesem Zustand konnte es dann in Gipsschalen gegossen werden, damit es die gewünschte Form annahm, die dann getrocknet und  danach im Brennofen bei rd. 1.000 °C  gebrannt wurde. Die Nachfrage an Steingutgeschirr übertraf sehr schnell die des Porzellan, da es sich im Aussehen nur sehr gering von dem sehr teuren Porzellan unterschied, in der Herstellung jedoch sehr viel günstiger war, da es nicht den schwer zu beschaffende Kaolin-Ton benötigte und sich dazu auch durch kostengünstigere Herrstellungstechnik in viel größerer Stückzahl produzieren lies. Somit konnte sich Steingutgeschirre auch die weniger betuchte Bevölkerung leisten.

Bereits in den 1860 Jahren beschäftigte die Schramberger Steingut und Majolika Fabrik Uechtriz&Faist, wie sie nun hieß, bereits konstant 100 Mitarbeiter und über 6.000 Heimarbeiter. Es waren hauptsächlich Frauen und Kinder, die mit Pinsel und/oder Schablone, die in Masse produzierten Teller, Tassen, Töpfe, Krüge und Platten u.v.a. bemalten bevor sie glasiert und ein zweites Mal gebrannt und dadurch dann wasserundurchlässig wurden.

1883 übernahm, die Renommier-Firma Villeroy & Boch, die Schramberger Firma, die schon viele Jahre zuvor das Steingutgeschirr für das in Mettlach/Saarland ansässige Unternehmen gefertigt hatte.

1912 erwarben die jüdischen Brüder Moritz und Leopold Meyer, den Schramberger Steingut-Betrieb und nannten sie Schramberger Majolikafabrik, die ihr Geschirr unter der Marke : „SMF“ mit Tannenbaum kennzeichneten und in Katalogen vermarkteten. Sie beschäftigten namhafte Künstler, die für ein neues Design der Formen und Dekor sorgten und so die Schrambergerprodukte weltweit zu einer gefragten Marke machten.  

Während der bevorstehenden antijüdischen Bewegung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zwangen die Nazis Moritz und Leopold Meyer 1938 zum Verkauf der Fabrik und beide emigrierten 1938 mit ihren Familien nach England. Der Betrieb firmierte fortan als Schramberger Majolika-Fabrik A.Zeller. Während des Krieges kam die Produktion fast zum Erliegen. Nach dem Krieg wurde die Firma dem Gouvernement Militaire Production industrielle Matériaux de Conastraetion in Baden-Baden unterstellt und musste Steingutgeschirr in größtmöglicher Stückzahl als Reparationsleistung an Frankreich produzieren. Dies hatte zur Folge, dass der Bedarf an Steingut-Rohmaterial aus Überauchen so zunahm, dass die Lieferung für die Gemeinde Überauchen zu einem echten Problem wurde, was die Briefe aus Schramberg an den Bürgermeister Fehrenbacher eindrücklich dokumentieren.  

1949 kehrte Peter Meyer wieder nach Schramberg zurück und  durfte die Fabrik wieder übernehmen. Nach 20 Jahren des Aufschwungs in denen die Schramberger Majolika zu den bedeuteten Steingut-Herstellern in Deutschland heranwuchs, setzte ab der Mitte der 70iger Jahre jene Schwierigkeiten ein, die die allermeisten Hersteller von Steingut-Gebrauchsgeschirren zusetzte. Konkurrenten aus dem Ausland drängten immer aggressiver auf den Markt.   Das Gebot der Stunde war, die Kosten der Produktion senken. So wurden die Rohstoffe immer mehr aus unglaublich günstigeren Quellen im Ausland bezogen und der Bezug im Inland zurückgefahren. So wurde auch der Bezug aus Überauchen eingestellt und eine 130 Jahre bestehende Geschäftsbeziehung beendet.

Vereinigte Zeller Porzellan und Steingut Fabrik Georg Schmider Zell a. H.

 Ähnlich lange wie die Schramberger Majolika bezog Georg Schmider aus Zell am Harmersbach in Überauchen das Material für seine Steingutfertigung und so wurde die Überaucher Tonerde ein wesentlicher Bestandteil des Gebrauchsgeschirrs, das mit dem Dekor „Hahn und Henne“ Weltruf erlangte. Die Ursprünge der Fabrik in Zell gehen auf das Jahr 1794 zurück, als Josef Anton Burger an diesem Standort eine Steingutfabrik gründete. Seine Produkte waren ein sofortiger Erfolg und 1802 kam der Geschäftsmann Jakob Ferdinand Lenz aus Lahr als Partner zu Burger. Lenz war recht wohlhabend und hatte einige Jahre in England gelebt, wo er Ideen für hochwertige Steinzeug- und Fayence-Produkte gesammelt hatte.

Zunächst war Steingut nur ein Nischenprodukt, da in erster Linie Porzellan hergestellt wurde. Dafür holte man den notwendigen Kaolin-Ton aus dem berühmten Limoges-Gebiet in Frankreich und transportierte es mit Pferdefuhrwerken nach Zell. Dies änderte sich jedoch als 1805 mit Georg Schnitzler und David Knoderer zwei wohlhabende Geschäftsleute aus Lahr in das Zellerunternehmen investierten und mit der Produktion von Steingut experimentierten.

In der Folge nachte sich die Fabrik: Zeller Steingut- und Porzellanfabrik. Nach mehreren Eigentümerwechseln gelangte die Fabrik 1897 in den Besitz von Georg Schmider, der alsbald damit anfing bekannte Künstler seine Kollektionen zu gestalten. Darunter war Elisabeth Schmidt-Pecht, die mit der Serie  „Liebling“ und „Favorit“ echte Renner schaffte. Mit dem Design „Hahn und Henne“, das 1898 von Chefdekorateur Karl Schöner zur Erinnerung an die Geburt seiner Tochter geschaffen hatte, gelang dem Zellerunternehmen ein Produkt, das bis in die heutige Zeit den Ort Zell am Harmersbach prägen sollte. Der Erfolg war überwältigend und Schmider musste seine Produktionskapazitäten drastisch erhöhen, um die Nachfrage zu decken. Im Laufe der Jahre wurden die Artikel aus den Zeller Werken nach Afrika, Österreich, Belgien, Kanada, Dänemark, Holland, Frankreich, Indien, Italien, Norwegen, Rumänien, Schweden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten exportiert. Die vollen Auftragsbücher führten dazu, dass die Zeller Fabrik 1925 einen Höchststand von 500 Mitarbeiter hatte. Als Schmider 1934 starb übernahm sein Schwiegersohn Haiss die Geschicke der Firma und führte das Unternehmen in der Tradition von Georg Schmider erfolgreich weiter. Ab 1942 musste die Produktion eingestellt werden, da keine Rohstoffe erworben werden konnten. 1946 nahm das Werk die Produktion wieder auf. Dies wurde unteranderem dadurch möglich, da nun auch Überauchen nach und nach wieder Material für die Steingutproduktion liefern konnte.

Im Laufe der 70iger Jahre gerieten die deutschen Gebrauchsgeschirrproduzenten in die Krise, da sie dem Billigimport an keramischen Erzeugnissen aus China nichts entgegensetzen konnten und inzwischen Kunststoffprodukte in vielen Haushaltungen Geschirre aus Ton verdrängten. So kam auch für die Zeller Steingutfabrik das unvermeidliche Aus.

Bleibt der Trost, dass das Dekor „Hahn und Henne“ überlebt hat und heute als Souveniraktikel weiterhin in Zell a. H. produziert wird.

Steingutfabrik Grünstadt

 Ein weiterer Hauptabnehmer der Überaucher-Tonerden hatte seinen Sitz in der Pfalz und war somit das entfernteste Unternehmen das von Überauchen aus über Jahrzehnte beliefert wurde. Als Frankenthaler Porzellanmanufaktur von Johann Nepomuk van Recum  gegründet zog er auf Grund des Rohstoffmangels 1799 nach Grünstadt wo Fayence-Erde bzw. Ton aus den nahen Ortschaften Asselheim, Lautersheim und Hettenleidelheim als Rohmaterial zur Verfügung stand.

Daraus entstand 1801 die Steingutfabrik Grünstadt, die 1812 an die Brüder Bernhard Bordollo und Wilhelm Bordollo überging und sich ausschließlich auf haltbare Steingutware spezialisierte. Das Werk expandierte bald zur größten Fabrik der Stadt und erlangte überregionale Bedeutung. Der Export erfolgte sowohl in die USA und nach Kanada als auch auf den Balkan bzw. in die Türkei. Neben Zier- und Gebrauchsgeschirr stellten Pfeifenköpfe, später auch Uhrenzifferblätter die Hauptprodukte dar. Die Firma war mit einem reichhaltigen Sortiment 1854 auf der Ersten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung vertreten. 1867 beschäftigte sie ca. 70 Mitarbeiter und erreichte eine gewisse Berühmtheit durch ihre Keramikpfeifen, das sie 1873 als herausragendes deutsches Produkt auf der Wiener Weltausstellung ausstellten.

1934 erwarb der Keramikfachmann Heinrich Kalau vom Hofe (1903–1988), Sohn des Konteradmirals Eugen Kalau vom Hofe (1856–1935), die Steingutfabrik Grünstadt. Er emigrierte 1939 nach Südamerika, blieb aber Besitzer, kehrte 1953 zurück und war Firmenchef bis 1969.

1954 beschäftigte der Betrieb 267 Mitarbeiter. Bekannte Produkte aus der Grünstadt waren charakteristische sogenannte Schmalztöpfe mit den typischen blauen Ornamenten. Aber auch große Töpfe für die Einlagerung von Sauerkraut und Essiggemüse gehörten zum Standard-Sortiment. Besonderheit in der Region waren die in den 1940er und 1950er Jahren fabrizierten Weihnachts- bzw. Osterteller, die ; für viele Pfälzer, die darin als Kinder ihre Nikolausgaben und Osternester fanden, eine unvergessliche Erinnerung.

Das 1957 für die Bremer Hauptbahnhofshalle gefertigte, über 20 m breites, keramisches Werbe-Wandbild für die Tabakfirma Brinkmann, ist inzwischen  ein Kulturdenkmal, das an die 1969 untergegangen Grünstadter Keramikproduktion.

Keramische Fabrik Herbolzheim E. Locke KG

Nachdem 1971 alle ehemalig großen Steingutbetriebe keinen dolomitischen Mergel mehr aus Überauchen bezogen, hätte man den Betrieb der Tongrube einstellen können, wäre da nicht aus Herbolzheim bei Freiburg ein Abnehmer gekommen, der einen ganz ordentlichen Bedarf an Überaucher dolomitischen Kalkstein hatte. E. Locke war zunächst ein führender Mitarbeiter in der Steingutfabrik in Grünstadt und hatte sich 1957 im badischen Herbolzheim in der Hauptsache mit der Fertigung von keramischen Uhrenschildern selbstständig gemacht, wozu er das Material aus Überauchen benötigt. Diese Uhrenschilder konfektionierten so namhafte Firmen wie Kienzle und Junghans und so manche Uhr tickt heute noch in den Wohnstuben einiger Familien in Überauchen. Da der Hauptabnehmer der Uhrenschilder jedoch eine französische Firma war und um 1976 in Insolvents ging geriet auch dieser Herbolzheimer Steinguterzeuger in finanzielle Schwierigkeiten und stellte den Betrieb ein. Nun war der letzte bedeutsame Abnehmer  verschwunden und die Schließung der Grube unvermeidlich. Damit endet die rund 180 Jahre dauernde Geschichte einer Rohstoffgrube, aus der zu Hochzeiten jährlich über 1600 Tonnen hochwertiger dolomitischen Kalkstein abgebaut wurde, damit aus diesem begehrte Steinguterzeugnisse hergestellt werden konnten, die dann in vielen Ländern der Welt ihren Bestimmungszweck erfüllen konnten. Wenn Sie also einmal an den Resten der Grube vorbeigehen, dann denken Sie daran, dass hier die Vorfahren von Überauchen einen begehrten Arbeitsplatz hatten und die Gemeinde Überauchen ohne den Erlös der verkauften Weißton-Erde sich vieles nicht hätte leisten können. Doch nun ist der Platz ein Geotop, der vielen selten gewordene Pflanzen und auch Tierarten ein Lebensraum geworden ist.

Ausblick

Inzwischen sind 40 Jahre ins Land gegangen, seit der Abbau von dolomitischen Ton-Erden eingestellt wurde und der ehemalige  Abbauort wieder den natürlichen Prozessen überlassen wurde. Mittlerweile ist das Plateau der angelegten Mergelgrube  durch natürliche Sukkession, sowie Fichtenanflug teilweise bewaldet. Die Loren und Gleise wurden verschrottet. Von der ehemaligen Silo- und Verladestation sind nur noch die Betonwände sichtbar, die zunehmend zerbröseln. Der ehemalige Abfuhrweg ist nun Teil eines im Rahmen der Flurbereinigung angelegten Wanderweges zwischen Beckhofen und Überauchen mit herrlichem Ausblick auf die Brigachaue. Insgesamt ist das Gebiet  in die Waldbiotopkartierung aufgenommen und somit  als Teil der landesweiten Pilotkartierung zu FFH-Lebensraumtypen und Biotoptypen § 30 Bundesnaturschutzgesetz erfasst.

Bleibt zu hoffen, dass die Geschichte dieses Ortes im Gedächtnis der Bürger des Brigachtals bleibt auch wenn, die Zeitzeugen, denen ich an dieser Stelle sehr herzlich danke, nicht mehr sein werden.