Die Brandkatastrophe von 1893, die den Ort Klengen fast völlig zerstörte
Wie sehr die Feuersbrunst an jenem Mittwoch, den 26.April 1893, um die Mittagszeit wütete, das ist uns aus den Berichten des Villinger Volksblatt wie folgt eindrücklich überliefert:
„Klengen ist heute Mittag von einem fürchterlichen Unglück heimgesucht worden. Bald nach 11 Uhr brannte das Haus des Altbürgermeisters Käfer. Zwei Kinder von kaum vier Jahren zündeten in ihrer Einfalt einen hinter dem genannten Hause liegenden Strohhaufen an. Mit Blitzesschnelle griffen die gefräßigen Flammen an dem Hause empor und ebenso rasch griff das Feuer auf andere Häuser über. Die Feuerwehr vom Ort war rasch zur Stelle, aber leider machtlos, denn während sie dem entfesselten Element wehren wollte, sprang das Feuer von Giebel zu Giebel. Die Leute mußten zum eigenen Heim zurückeilen und fanden zumeist, dass ihre Häuser in Brand standen. Brennende Haustiere, namentlich Katzen, halfen das Feuer weiterverbreiten“.
Wie rasend das entfesselte Element um sich griff, wird aus den folgenden Schilderungen einiger Betroffenen deutlich:
„Ich war gerade im Begriffe, meinen Umzug in ein neu gekauftes Haus zu bewerkstelligen. Einen Leiterwagen mit Hausrath hatte ich gerade vor das neu erworbene Haus geführt, als der Feuerruf erscholl. Rasch sprang ich zu meinem alten Heim, steckte mich in die Feuerwehruniform und sprang dem Brandplatze zu. Der Wind, der sich fortwährend drehte, wehte jetzt die Flammen nordostwärts, mein Haus stand bald in Flammen und der Leiterwagen verbrannte vor dem Hause. Abermals drehte sich der Wind und erfaßte die südlich vom Brandplatz gelegene Häuserreihe und in der Zeit von kaum einigen Minuten standen dort alle Häuser in Flammen. Von den um 11 Uhr noch in meinem Besitz befindlichen zwei Häusern hatte ich um 12 Uhr keines mehr! Ein anderer erzählt: „Ich war auf dem Brandplatze und wir wehrten, so gut es die fürchterlich werdende Hitze und der Rauch zuließ, dem Feuer. Da trug der Wind die Flammen nach der Richtung meines Hauses. Rasch eilte ich nach Hause und begann eben, meine Fahrnisse zu retten. Wie eine Windsbraut wurde aber das Feuer daher getragen auf den Flügeln des Windes und ehe ich mich recht umsah, stand mein ganzes Haus in Flammen. Vom zweiten Stockwerk mußte ich hinunterspringen und verletzte mich bei diesem Sprunge. Was wir gerettet, verbrannte uns alles vor dem Hause. So wie mir erging es fast Allen.“
Aber auch das Rathaus mit Schule, die Kirche und beiden Wirtshäuser wurde vom Feuer nicht verschont, wie dieser Bericht zeigt:
„Der Gemeinderechner konnte die Gemeindekasse noch retten, die übrigen Schriftstücke aber verbrannten. Das Gold hat aber die Feuerprobe schlecht bestanden. Es sieht aus wie geschmolzenes Kupfer und muß zum Austausch gesandt werden, das Silber hat sich besser gehalten. Die Grund- und Pfandbücher sind in ihrem eisernen Verschlusse vergilbt, aber noch lesbar. Die meisten Leute haben nur das gerettet, was sie am Leibe hatten.
Verschiedene Personen sind ziemlich stark verbrannt, so insbesondere die Frau des Meßner Duffner. Sie läutete in der Kirche die Sturmglocke, bis das Glockenseil abbrannte und als sie dann sich flüchten wollte, standen die Häuser rings um die Kirche in Brand. Durch ein Fenster bewerkstelligte sie ihre Flucht und mußte einige Meter tief hinabspringen. Sie ist in ärztlicher Pflege, ebenso ein Kind“.
Der Aufopferungsbereitschaft der Feuerwehren aus den Nachbarorten und -städten, die der Klengener Wehr bei der Brandbekämpfung halfen ist es zu danken, dass das Feuer kein Todesopfer fordern konnte. Vom Kampf der Wehren mit dem Feuer wird uns berichtet:
Die Hitze war so fürchterlich, daß selbst die Brunnenstöcke verbrannten. Die Mannschaft von Überauchen erschien zuerst, nahm dort Aufstellung, wo sich die Straßen kreuzen. Die von Kirchdorf weiter oben, mußten aber bald zurück, Haus für Haus verteidigend, die Löschrequisiten unter Gefahr nachschleppend. Das Bauernhaus des Joseph Münch in der Mühlgasse wurde lange verteidigt, mußte aber schließlich dem gefräßigen Element überlassen werden. Hier in einem Grasgarten geriet ein Wagen mit dem Wasserfass vor Hitze in Brand, ohne dass man ihn retten konnte. In der Nähe der Mühle und der Eisenbahn standen noch einige Häuser, und auch diese schienen verloren. Aber jetzt änderte sich das Zünglein. Die wackeren Feuerwehren von Tannheim und eine Abteilung von Villingen waren erschienen. Nach heftiger Gegenwehr, namentlich vor dem Hause des Johann Münch, wo in unmittelbarer Nähe dessen Holzschopf in Flammen stand, wurden diese Häuser, vor dem bis dahin siegreichen Elemente gerettet. Wohl um die gleiche Zeit wurden an anderen Orten, freilich nach hartem Kampfe, die noch stehenden Gebäude erhalten. Sehr wacker hielten sich auch die Kolonisten vom Ankenbuck, die Feuerwehr von Dürrheim und Marbach. Nun galt es der Ruhe, doch nein, nur der Erholung für eine kurze Zeit. Denn das unter den Trümmern zischende Feuer drohte abermals zum Ausbruche zu kommen, neues Unheil verkündend. Deswegen mußte eine starke Mannschaft und große Abteilungen von fremden Feuerwehren zurückbleiben und Wache halten. Und heute noch glimmt der Funke unter dem Schutt und muß bewacht werden.
Das Ausmaß des Brandes wird durch folgende Zahlen sehr plastisch geschildert:
„Menschen sind nicht umgekommen, viele haben Brandwunden. Abgebrannt sind 68 oder 72 Gebäude, genau ließ sich das noch nicht feststellen, da der ganze Ort noch vom Feuer glimmt und die Asche weithin getrieben wird. Viele Haustiere, namentlich Schweine, die vereinzelt da und dort tot in den Straßen liegen, sind verbrannt, ebenso ist fast alles Mobiliar vernichtet. Der blühende Ort ist jetzt ein Trümmerhaufen. Von den 657 Einwohnern sind ca. 450 obdachlos und Nahrung und Futter mangelt Mensch und Vieh. Der Versicherungsanschlag aller in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude unseres Dorfes beträgt 646.000 Mk. Der Fahrnißschaden ist auf 300.000 Mk. geschätzt“.
So sehr das Feuer auch Leid über den Ort brachte, so sehr wurde offensichtlich, welch großartige Hilfe den Abgebrannten in Klengen durch die Bürger der umliegenden Ortschaften zuteil:
Hier lesen wir: „Die Abgebrannten sind in Kirchdorf, Überauchen, Grüningen, Beckhofen, Villingen und Donaueschingen untergebracht. Lebensmittel und Mobiliar sind eingetroffen, aber viel und großes Elend ist zu mildern. Wir appellieren dringend an den Wohltätigkeitssinn unserer Leser und bitten sie, diese Ärmsten der Armen recht kräftig zu unterstützen durch Abgabe von Geld, Inventarstücken, Kleider usw. Der Fürst von Fürstenberg hat bereits 1000 Mk. gesandt und 450 Centner Heu zur Verfügung gestellt. Wie uns von allen Seiten bestätigt wird, haben die in Klengen bedienstet gewesenen Knechte und Mägde bei, während und nach dem Brande sehr tapfer bei allen Arbeiten sich betheiligt. Diesen Armen ist natürlich auch Alles verbrannt, zum Teil noch ihre sauer erworbenen Sparpfennige. Bei Verteilung der milden Gaben mögen sie nicht vergessen bleiben.
Die Sammlungen nehmen einen erfreulichen Fortgang. Wie bereits gemeldet, hat der Fürst von Fürstenberg 1000 Mark. gesandt, die hiesige Stadtkasse und die Sparkasse gaben 1000 Mark, die Gemeinde Obereschach 500 Mark, Pfohren 120 Mark, andere Gemeinden werden folgen. Von Ihren Königlichen Hoheiten, dem Großherzog und der Großherzogin, sind 1000 Mark als einstweilige Gabe eingetroffen, das Ministerium des Inneren stellte 2000 Mark aus Staatsmitteln zur Verfügung. Private wetteifern im Sammeln von Gaben. Doch auch tausende von Menschen gaben Geschenke, selbst in den zugesandten Kleidungsstücken war oftmals noch Geld eingewickelt. Aus der Nachbarstadt Donaueschingen kamen zweispännige Fuhrwerke angefahren, angefüllt mit Kleider, Betten und Nahungsmittel. Die Arbeiter der Fabriken taten sich zusammen, Gesang und Musikvereine gaben Konzerte.
Damals wie heute ziehen Katastrophen auch Neugierige an. Über dieses Phänomen berichtet das Volksblatt wie folgt:
Eine große Anzahl Fremder besucht täglich die Brandstätte in Klengen. Eine große Menge durchwogte heute den Brandplatz, welche teils auf der Eisenbahn aus weiter Ferne, teils zu Fuß herbeiströmten, um die Unglücksstätte zu besichtigen, so dass alle Straßen und freien Plätze dicht gefüllt waren. Am gestrigen Sonntag mögen wohl gegen 10.000 Menschen die Brandstätte besichtigt haben. Wenn sie heim kommen, werden diese hoffentlich nicht verfehlen, den Jammer der armen Abgebrannten zu schildern und der Geist der Opferwilligkeit wird dann um so reichlicher sich betätigen!
Über den Wiederaufbau haben die Chronisten festgehalten:
Gleich am folgenden Tag nach dem Untergang des Dorfes wurde mit dessen Wiederaufbau begonnen. Das inbrünstige Verlangen, möglichst schnell wieder ein eigenes Heim zu besitzen, gab den Menschen unermüdliche Kraft und Ausdauer. Männer, Frauen, Greise und Kinder griffen zur Haue und Schaufel, zum Pickel und Brecheisen. Vom aufgehenden Tag bis in die späte Nacht wurden zuerst die Trümmer und der Brandschutt beseitigt, die einsturzgefährdeten Mauern gesprengt und so nach und nach Platz für den Wiederaufbau geschaffen. Tränen flossen reichlich, teils aus Trauer ob der vielen unersetzlich verloren gegangenen Habseligkeiten, teils jedoch auch aus Freude über unversehrt geborgene Kleinigkeiten, die dann fein säuberlich gereinigt und gut verwahrt wurden.
Allmählich stieg ein Haus neben dem andern aus dem Boden, wuchs in die Höhe, stülpte das Dach über sich und gab den Bewohnern so wieder ihr eigenes Zuhause.
Mit dem Wiederaufbau des Dorfes wurde auch eine Korrektur des Ortsplanes vorgenommen. So wurde beschlossen, daß die Hauptstraße und die Seitenstraßen erheblich verbreitert und begradigt werden, was sich auch günstig auf die Gestaltung des Ortsbildes auswirkte.
Am 13. September 1894, in Klengen lief das Leben bereits wieder beinahe normal, war mit Seiner Königlichen Hohheit, dem Großherzog von Baden, der bedeutenste Besucher des brandgeschädigten Ortes angesagt. Im amtlichen Protokoll liest sich dieser Besuch folgendermaßen:
"Gestern wurde uns die hohe Ehre zu teil, daß S.K.H. der Großherzog unserm aus der Asche wiedererstandenen Dorfe einen Besuch abstattete. Die Feuerwehr in ihren neuen Uniformen, der Militärverein mit seiner neuen Fahne, wozu auch die Großherzogin eine namhafte Spende gegeben, und die Schulkinder bildeten am Eingang des Dorfes Spalier. Die Mitglieder des Hilfskomitees für die Brandgeschädigten hatten sich bei dem neuen Rat- und Schulhaus aufgestellt. Um 11 Uhr traf der Großherzog, vom Manöverfelde kommend, hier ein, begleitet von drei hohen Offizieren. Durch Herrn Oberamtmann Otto von Villingen wurde der hiesige Gemeinderat, die Bürgermeister der Nachbargemeinden, die Geistlichen von Kirchdorf und Villingen, sowie die übrigen Herren von Villingen und Donaueschingen, welche zur Begrüßung des Großherzogs erschienen waren, vorgestellt. Mit dem Vorstand und den Mitgliedern des Militärvereins, wie mit dem Feuerwehrhauptmann sprach der Landesfürst in der bekannten leutseligen Weise. Im provisorischen Ratshauszimmer - im Hause des Herrn Ratschreiber Arnold Neugart - hier ließ sich der Großherzog den allgemeinen Bauplan erklären und beging danach das wiederaufgebaute Dorf, wobei S.K.H. besonders dem Rat- und Schulhaus, welches nahezu fertig ist und der noch in Trümmer liegenden Kapelle seine Aufmerksamkeit widmete. Nach diesem etwa einstündigen Rundgang verließ uns der geliebte Landesvater unter dem Hurraruf der versammelten Vereine“.
Lassen Sie uns am Schluß darüber dankbar sein, dass uns seit dieser Zeit eine solche Brandunglück erspart blieb und möge das auch in Zukunft so bleiben.